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LVR-Archäologischer Park Xanten
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Bis zum Spurenhorizont und weiter

Ein Porträt der Restauratorin Petra Becker im APX

Die Restauratorin Petra Becker gipst unter den Augen zweier Kollegen mit einem Pinsel ein verkohltes Stück Holz ein.

Glücksfund: Selbst ein verkohlter Holzrest kann für Petra Becker eine Sensation sein

Petra Becker schlüpft aus Jacke und Handschuhen und fröstelt. Draußen ist es frisch geworden, das sieht man an ihrem roten Gesicht, und blickt man aus dem Fenster, kann man verstehen, was sie schüttelt. Nicht weit, nur noch von wenigen Blättern verdeckt, schimmert der Hafentempel in der fahlen Nachmittagssonne. Vielleicht wird aus dem Herbst ein früher Winter.

"Viele Menschen denken, wir bergen hier im APX nichts als wertvolle Ringe und Schwerter aus dem Boden. So ein Glücksfall tritt höchst selten ein. Für uns kann aber auch ein verkohlter Holzrest eine Sensation sein."

"Mein Büro verlasse ich eigentlich viel zu selten", sagt die Restauratorin. Doch heute konnte sie ihrem Entdeckertrieb nach Herzenslust nachgehen, denn bei den Ausgrabungen unweit der Xantener Siegfriedsmühle wurden neben den täglich auftretenden Kleinfunden auch einige sehr gut erhaltene Holzkohlereste entdeckt. "Viele Menschen denken, wir bergen hier im APX nichts als wertvolle Ringe und Schwerter aus dem Boden. So ein Glücksfall tritt höchst selten ein. Für uns kann aber auch ein verkohlter Holzrest eine Sensation sein." Und eben solche Reste hat man jetzt im Herzen der einstigen römischen Siedlung entdeckt. "Alles deutet auf ein Bustum, also ein antikes Scheiterhaufengrab hin. Mit Hexenverbrennung hat das nichts zu tun, Brandbestattungen mit kräftigen Holzbohlen waren ganz üblich. Es war Pflicht, diese Verbrennungen außerhalb der Mauern der Colonia zu vollziehen", erklärt Petra Becker. Die Bestattung muss also vor der Colonia-Gründung erfolgt sein, noch im 1. Jahrhundert nach Christus. Mit etwas Glück liefern die Hölzer jetzt eine genaue Datierung.

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Die Restauratorin Petra Becker tränkt mit einem Pinsel verkohltes Holz mit Bindemittel. Grabungstechniker arbeiten in einem freigelegten Scheiterhaufengrab aus römischer Zeit.

Erste Vermutung vor Ort: Die Holzkohle stammt aus einem antiken Scheiterhaufengrab.

"Meine Aufgabe ist in diesem Fall die Bergung der Proben, damit sie in bestmöglichem Zustand zur Untersuchung gehen können", sagt Frau Becker. Dazu haben ihre Kolleginnen und Kollegen vom Xantener Ausgrabungsteam die Holzfunde in mehreren Schichten freipräpariert und die Fundstelle im Originalzustand genau dokumentiert. Obwohl die Holzkohle an dieser Stelle im sandigen Boden besonders gut erhalten war, mussten die brüchigen Reste bereits an der Fundstelle mit einem flüchtigen Bindemittel getränkt werden, damit nicht alles beim Herausheben zerbröselt. Als nächstes gehen die Proben zur dendrochronologischen Untersuchung in ein Labor nach Trier. Dort lässt sich das Alter eines Holzes über seine Jahresringe ziemlich genau bestimmen. "Sie sind wie ein Fingerabdruck: Trockene Jahre, kalte Winter, all das hinterlässt ein Muster von dicken und dünneren Ringen. Von einigen Hölzern kennt man das genaue Alter zum Beispiel durch die Zeit, in der sie verbaut wurden. Die rhythmische Abfolge ihrer Ringe kann man erfassen und damit andere, zum Teil ältere Fundstücke vergleichen. So entsteht ein Kalender, der mehrere tausend Jahre zurückreicht."Für heute verabschieden wir uns, denn Petra Becker möchte ihre Kinder von der Schule abholen. Es geht also wieder raus in die Kälte, vorbei am neuen Museumsgebäude, das wie ein Dampfer auf den dunklen Wiesen thront. „Auf der Baustelle werde ich die nächste Zeit verbringen, da wird es bestimmt auch nicht viel wärmer", sagt Frau Becker noch, lacht dabei und steigt in ihr Auto.

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Mehrere Personen präparieren für die Ausstellung im RömerMuseum eine Fläche, auf der sich römerzeitliche Laufspuren erhalten haben. Zwei Menschen arbeiten für die Ausstellung im RömerMuseum an einer Fläche, auf der sich römerzeitliche Laufspuren erhalten haben.

Arbeiten am „Spurenhorizont", eines der archäologischen Highlights im neuen RömerMuseum.

Als wir uns das nächste Mal treffen, finden wir die Restauratorin auf Knien in der Baustelle des neuen RömerMuseums. Um sie herum herrscht reges Treiben, Bauarbeiter, die schweißen, hämmern und vor allem viel Staub machen. Vor Petra Becker tut sich ein großes, rechteckiges Loch im Boden auf, ungefähr von der Größe eines normalen Wohnzimmers. "Hier platzieren wir zur Zeit unseren Spurenhorizont, der wird einer der Höhepunkte im neuen Museum." Wir stutzen, wie kommt der Spurenhorizont zu so einem magischen Namen. "Magisch?", Frau Becker muss schon wieder lachen. „Nein, mit Spuren fern am Horizont hat das nichts zu tun. Wir bezeichnen so eine ganz bestimmte Fläche, auf der sich durch glückliche Umstände römerzeitliche Laufspuren erhalten haben. "Bereits im Jahr 1995 stieß man bei Ausgrabungen auf eine besonders feste Schicht, etwa 1,30 Meter unter der heutigen Erdoberfläche. Nachdem Humus und eine helle Sandschicht abgetragen waren, kam eine härtere, lehmartige Oberfläche zum Vorschein, übersät mit Abdrücken von menschlichen Füßen, barfuß und in benagelten Schuhen, dazu Pferdehufe, Karrenspuren und sogar Hundepfoten. "Wir hatten es hier offensichtlich mit einer einst sehr belebten Stelle zu tun, vielleicht war es der Rand einer Straße oder eine Baustelle, wo viel Verkehr herrschte. All das hat sich im feuchten Boden abgedrückt und wurde dann bald mit Sand zugeschüttet. Ein kleines Wunder, denn nur so hat es sich erhalten." Wenn Petra Becker von der Entdeckung des Spurenhorizontes erzählt, bekommt sie noch heute leuchtende Augen. Nicht zuletzt wegen der fachlichen Herausforderung: "Man muss sich vorstellen, ich war damals neu im Archäologischen Park, und es gibt keine Patentlösung, wie man ein fast 28 Quadratmeter großes Stück Boden bergen soll. Schnell war klar, dass eine Bergung des Originalbodens nur mit immensem Aufwand möglich gewesen wäre. Ein Abguss des Horizontes war die erfolgversprechendste Möglichkeit, alle Abdrücke zu konservieren. Wir haben uns intensiv beraten und mit vielen Kolleginnen und Kollegen telefoniert, bis dieses Verfahren feststand."

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"Restauratoren sind von Natur aus pingelige Menschen, die ihr Handwerk grundsätzlich mit Bedacht und Genauigkeit angehen. Auf der anderen Seite steht der Reiz des Entdeckens, das Detektivspielen, das uns kribbelige Finger macht."

Zuerst wurde auf die Oberfläche flüssiger Latex aufgetragen, der in alle Unebenheiten und jeden noch so kleinen Abdruck eines Hufes fließen sollte. "Ich kann mich noch sehr gut an diesen Sommer erinnern", seufzt jetzt Petra Becker, "es war unendlich heiß und auf der ungeschützten Grabungsstelle hatten wir manchmal gute 45 Grad. Der Latex erwies sich als nicht UV-beständig. Er bekam schwarze Flecken und ich schlaflose Nächte, so haben wir beide ziemlich gelitten!" Am Ende ist es aber doch gelungen: Die ausgehärtete Formhaut wurde mit einer Stützkapsel versehen, in Einzelteilen aus der Grabungsstelle gehoben und mit dem Gesicht nach oben wieder aufgebaut. "So konnten wir jetzt mit Hilfe dieses Negativs eine originalgetreue Kopie erstellen, die detailgenau die Lage jedes einzelnen Steinchens und jeder kleinsten Spur zeigt." Im neuen RömerMuseum werden die fünf Einzelteile des Horizontes wieder zusammengefügt, so dass alles wie das Original einst im Boden aussieht. "Ohne unsere Kolleginnen und Kollegen wie den Grabungszeichner Klaus Girnus hätten wir das nicht geschafft. Er ist ein echter Künstler und hat jeden Stein perfekt koloriert. Die Kopie sieht dem Original heute zum Verwechseln ähnlich." Abgedeckt mit einer dicken Glasplatte und raffiniert beleuchtet, werden die Besucherinnen und Besucher des neuen RömerMuseums zukünftig im wahrsten Sinne des Wortes auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln können. Und diese Nähe ist es auch, die die Restauratorin heute noch berührt, wenn sie sich mit dem Spurenhorizont befasst: "Als ich ihn das erste Mal sehen konnte, war ich richtig ergriffen. Die Tatsache, dass da vor zweitausend Jahren jemand gegangen ist, lässt einen Fragen stellen. Wie bei einem Blick durch ein Schlüsselloch sehe ich Menschen durch den Morast stapfen, zur Seite springend vor einem heranbrausenden Gespann. Was sagen mir die verschiedenen Spuren über das soziale Gefälle? Einer trug mit Nägeln beschlagene Schuhe, ein anderer war barfuß unterwegs, das bedeutet doch was …". Petra Becker hat derweil am Rande ihres großen Lochs im Museum Platz genommen und schaut ein bisschen nachdenklich in die große Thermenhalle, die bald eine ganze Ausstellung aufnehmen wird. "Selbst wenn man noch viel weiter graben könnte", sagt sie, "es bleibt alles immer ein bisschen vage. Wir sehen einen Ausschnitt und gewinnen daraus kleine oder größere Denkanstöße. Und mit genau dieser Absicht liegt der Spurenhorizont jetzt gleich vorne im Eingangsbereich des Museums."

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Blick von oben auf die Schicht mit römerzeitlichen Laufspuren.

Menschen-, Tier- und Karrenspuren: Überbleibsel einer besonders belebten Stelle in der römischen Stadt, zu sehen im Eingangsbereich des RömerMuseums.

Es hat sich schon wieder Staub auf die ersten Teile des Spurenhorizonts gesenkt, und das ist zur Zeit Frau Beckers Hauptproblem auf der Baustelle. "Restauratoren sind von Natur aus pingelige Menschen, die ihr Handwerk grundsätzlich mit Bedacht und Genauigkeit angehen. Auf der anderen Seite steht der Reiz des Entdeckens, das Detektivspielen, das uns kribbelige Finger macht. Da kann es schon mal passieren, dass wir sofort mit der Freilegung beginnen, obwohl man den Fund doch erst fotografieren sollte." Die Aufgaben einer Restauratorin sind vielfältig, und es geht dabei um weit mehr als man allgemein denkt. „Vom Klischee her glaubt ja jeder erst einmal an Pinselchen schwingen oder Scherben kleben. Und beides tun wir auch, aber eben nicht nur." Wenn man herausbekommen möchte, wozu ein Gegenstand einmal verwendet wurde, sind seine Gebrauchsspuren von besonderem Interesse. "Auch ein Kiesbagger, der erst vor ein paar Jahren zufällig in ein Exponat hineingedengelt hat, gehört zu dessen Geschichte," sagt Petra Becker. Sie rät, einen Fund bei der Restaurierung bloß nicht „neu", sondern in erster Linie nur wieder lesbar zu machen und zu konservieren. "Wir entfernen Schmutz und festigen Bruchstücke. Natürlich ergänzen wir auch gelegentlich; die Hinzufügungen sollten aber als solche erkennbar bleiben und vor allem gegenüber den Resten des Originals nicht überwiegen." Zur Zeit kümmert sich Petra Becker verstärkt um Präsentationslösungen im neuen RömerMuseum im APX. Hier stellt sich die Frage, wie man einen Fund am Ende zeigen soll, so dass Betrachterinnen und Betrachter ihn ohne Vorwissen entschlüsseln können und er diesen Ansturm von Aufmerksamkeit auch sicher überlebt. Bevor Frau Becker ihren Job beim APX angetreten hat, erlernte sie den Beruf der Goldschmiedin und absolvierte eine Ausbildung in verschiedenen Museen in Trier und Mainz. Bis heute sind es die kleinen, zarten und die metallenen Dinge, die es ihr besonders angetan haben. "Das muss nicht immer ein Ring sein. Mein Lieblingsfundstück im Archäologischen Park ist zum Beispiel eine winzige Öllampe mit der Applikation eines gänsewürgenden Jungen und drei kleinen Standfüßchen. In ihrem Inneren fand ich die Reste eines angebrannten Dochtes sowie ein paar Larven der Käsefliege. Sofort war wieder ein Bild dazu da: Die Lampe hatte offensichtlich eine Weile mit Öl gefüllt irgendwo gestanden, ehe sie vielleicht als Grabbeigabe in den Boden gelangte."Ganz zum Schluss wollen wir es dann aber doch wissen: Glauben Sie denn nicht, dass sich ein großer Goldschatz im Boden des APX versteckt und auf seine Entdeckung wartet? Dafür ernten wir noch einmal das Lächeln auf Petra Beckers Gesicht: "Wissen Sie, der Boden im APX steckt voller Überraschungen, aber in 13 Jahren ist nur eine einzige Goldmünze in meine Werkstatt gelangt. Irgendwann graben wir vielleicht einmal im Gebiet des alten Hafens, und da kann man auf viele organische Funde, auf über Bord gegangene Schiffsladungen oder vielleicht sogar auf ein gesunkenes Schiff hoffen. Aber glauben Sie mir, die Schätze sind im Boden am besten aufgehoben. Sobald sie wieder an die Luft kommen, beschleunigen wir nur ihren Zerfall."

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