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LVR-Archäologischer Park Xanten
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Von Mensch zu Mensch

Ein Porträt der Museumspädagogin Marianne Hilke im APX.

Die Museumspädagogin Marianne Hilke.

Die Museumspädagogin Marianne Hilke sorgt dafür, dass man auf möglichst spannende und unterhaltsame Weise Interessantes über die Römerzeit im APX erfahren und erleben kann.

Als wir bei Frau Hilke anklopfen, ist keiner im Büro. Der Blick fällt auf ein Plakat mit Schülerinnen und Schülern, die verschiedene Gebärdenzeichen machen: Hände und Unterarme beschreiben erst einen großen Kreis, dann spitzt man Daumen und Zeigefinger und führt sie auf und ab, als würde man Marionetten spielen. Zusammenge-setzt steht dies für "Amphitheater", eine ur-römische Vokabel und auch der Ort, an dem wir Frau Hilke schließlich finden.

Auf zwei Bildern zeigt ein Junge die Handzeichen für das Wort Amphitheater in Gebärdensprache.

Das Wort Amphitheater in Gebärdensprache.

Am Fuße des imposanten Gebäudes steht sie inmitten einer Gruppe, die aufmerksam lauscht. So früh am Morgen sind noch wenig Gäste im Park unterwegs. "Wenn Sie mit Ihrer Gruppe später einmal an diese Stelle gelangen …", Frau Hilke macht eine Fortbildung für Führerinnen und Führer. Seit April läuft die Saison im APX, die Mehrzahl der Gruppen, von denen im Sommer täglich bis zu 100 den Park besuchen, bucht einen der geführten Rundgänge. Insgesamt 34 Frauen und Männer sorgen dann für mehr Einblick in die römische Vergangenheit. Die ältesten von ihnen arbeiten schon über 30 Jahre beim APX und verfügen über ein Wissen, das so in keinem Geschichtsbuch zu finden ist. Zusammen mit ihnen sorgt Frau Hilke kontinuierlich dafür, dass nachwachsende Generationen das Handwerk erlernen. Die Ausbildung zum Führer oder zur Führerin im APX dauert über ein Jahr. Die theoretischen Grundlagen werden in den Wintermonaten gelegt, jetzt im Sommer geht es um die praktische Anwendung. Trotz aller Vorbereitungen ist das für die Neuen ein Sprung ins kalte Wasser, denn niemand kann zu 100 Prozent wissen, wie sich eine Gruppe verhält. Daher hospitieren die Kolleginnen und Kollegen regelmäßig untereinander und verraten sich kleine Tricks, um die Führung in der richtigen Mischung aus Fakten und unterhaltsamer Ansprache zu einem spannenden Erlebnis werden zu lassen.

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Insgesamt 34 Frauen und Männer sorgen zur Zeit im Park für mehr Einblick in die römische Vergangenheit. Die ältesten von ihnen arbeiten schon über 30 Jahre beim APX und verfügen über ein Wissen, das so in keinem Geschichtsbuch zu finden ist.

Eine der erfahrenen Führerinnen nimmt die Gruppe am Amphitheater in ihre Obhut, und wir biegen mit Marianne Hilke in Richtung Hafentempel ab. Sie winkt uns ganz dicht an die Mauer des Tempels heran und zeigt mit dem Finger auf ein paar scheinbar schmutzige schwarze Stellen: "Schauen Sie mal, die meisten Gäste sind vom Tempel so beeindruckt, die entdecken gar nicht, was für ein Juwel sich hier im Kleinen verbirgt." Auf dem Gestein wachsen graue Flechten, die den Kalkstein benötigen, um gedeihen zu können. "Dieser Stein wird am Niederrhein heute nur noch sehr selten verwendet. Im APX wurde er für die originalgetreue Rekonstruktion eigens wieder herangeschafft. Kein Wunder also, dass die Flechten sich mit Heißhunger auf den Tempel stürzen."

Eine Flechte mit dem Namen Xanthoria auf steinernem Untergrund. Eine von Flechten bedeckte Säule des Hafentempels.

Frau Hilke liest nicht nur die Spuren der Römer, auch alles, was im Park wächst und gedeiht, kann Sie erläutern. Zum Beispiel die Flechten, die auf dem Gestein des Hafentempels wachsen. Sie benötigen den Kalkstein als Lebensgrundlage.

Jetzt spricht aus der Museumspädagogin Hilke ganz die gelernte Biologin: "Es ist doch wunderbar, wenn diese seltenen Pflanzen hier Trittsteine finden, von denen aus sie an andere Stellen in der Region weiterspringen können, nicht wahr?" Eine Schülergruppe, die gerade die Treppen des Tempels hinuntersteigt, verzieht sich in Richtung Herberge. Wir fragen uns, was die Mädchen und Jungen wohl sagen würden, wenn man sie auf die verborgene Welt der Flechten hinweisen würde. Frau Hilke lacht, "Ganz klar, im APX dreht sich in erster Linie alles um die römische Metropole unter der Erde." Aber bei einem Blick über die Wiesen, auf die Alleen, Hecken und Gärten wird einem deutlich, dass der APX nicht nur Deutschlands größtes archäologisches Freilichtmuseum ist, sondern auch ein Naturreservat der besonderen Art. "Vor allem, wo die alte Bundesstraße nun bald verschwindet und der Park noch einmal um rund zwei Drittel Grünflächen wächst, entsteht für uns Betreiber eine neue Verantwortung. Die Menschen kommen in den APX auch wegen der Erholungsmöglichkeiten in der Natur. Unser Anspruch ist es, hier nicht nur große Liegewiesen zu schaffen, sondern auch die Vielfalt zu mehren und zu erklären. Und wer sagt denn, dass die Römer nicht schon dasselbe getan hätten?!"

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Bislang unbetretene Wege zu gehen, zählt zu den Kernkompetenzen, die Frau Hilke bei ihrer Arbeit als Museumspädagogin benötigt. Langweilige Vorträge über Daten und Fakten gibt es im APX nicht, statt dessen werden die Gäste direkt einbezogen und auch mal herausgefordert.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Kräuterstand, der an jedem Römischen Wochenende in der Nähe der Herberge zu finden ist. "Die Expertin kennt unseren Kräutergarten wie ihre Westentasche und weiß genau, welche Pflanzen die Römer zu Salben und welche sie zum Zubereiten ihrer Speisen verwendet haben. Frau Lyttwin hat schon eine Reihe von Dauergästen, die zu jeder Jahreszeit bei ihr vorbeischauen, um mehr über die Kräuterwelt der Römer zu lernen, zu riechen und zu schmecken." Angebote wie dieses sieht Frau Hilke als Steinchen in einem größeren Mosaik, in dem sich römische Ortsgeschichte und Fragen der Natur ergänzen: Wie war das Verhältnis der Römer zu ihrer Umwelt? Wie machten sie sich die Natur im Alltag zu Nutze, verwendeten Flechten zum Färben oder Rosengallen zur Tintenherstellung? "All dies gehört zur römischen Kulturgeschichte, die wir im APX vermitteln, und es macht uns und den Gästen viel Spaß, heute damit ganz praktisch zu experimentieren. Glauben Sie mir, die Bücher des Pinius zur Naturgeschichte gehören zu meiner Lieblingslektüre. Für neue Anregungen ist dieser alte Römer eine schier unerschöpfliche Quelle."

Bislang unbetretene Wege zu gehen, zählt zu den Kernkompetenzen, die Frau Hilke bei ihrer Arbeit als Museumspädagogin benötigt. Langweilige Vorträge über Daten und Fakten gibt es im APX nicht, statt dessen werden die Gäste direkt einbezogen und auch mal herausgefordert: "In den historischen Werkstätten können Kinder und Jugendliche einem römischen Schuster oder Knochenschnitzer bei der Arbeit zusehen und selber Hand anlegen. In den neuen Handwerkerhäusern, die zur Zeit in historischer Lehmbauweise entstehen, wird man sehen können, wie die einfachen Römerinnen und Römer im Alltag lebten. Hier denken wir über einen kleinen Garten für römische Heil- und Giftpflanzen nach. Wo man normalerweise erst einmal 'Finger weg!' sagen würde, wollen wir mit entsprechender Begleitung Gäste zulassen. Da gedeiht ein uraltes Kulturwissen, das im Umgang Umsicht und auch ein bisschen Respekt erfordert. So etwas kann doch heute auch nicht schaden!"

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„Wo jeder erst einmal ‚Finger weg!' sagen würden, wollen wir mit entsprechender Begleitung Gäste zulassen. Da gedeiht ein uraltes Kulturwissen, das im Umgang Umsicht und auch ein bisschen Respekt erfordert. So etwas kann doch heute auch nicht schaden!"

Wir erreichen das Büro von Frau Hilke. Es türmen sich die Unterlagen und man sieht, wie weit gefächert ihre Aufgabenbereiche als Museumspädagogin sind. "Das Schöne ist, bei allem, was wir hier tun, steht der Mensch im Mittelpunkt. Es gibt Hunderte von unterschiedlichen Interessen und Wünschen, aber im Kern haben alle Menschen das Grundbedürfnis, gut behandelt zu werden. Früher wurden in der Museumspädagogik Zielgruppen weitgehend getrennt bedient, insbesondere Menschen mit Behinderungen packte man oft mit allerbesten Absichten in Watte. Heute versuchen wir unser Gesamtprogramm so zu gestalten, dass jeder darin seinen Weg finden kann. So ist unser Angebot nicht nur vielfältiger, sondern wirkt auch aus sich heraus integrativ." Der Blick fällt wieder auf das Poster mit den Jugendlichen, die römische Vokabeln in Gebärden darstellen. Diese Zeichen wecken Neugier längst nicht nur bei Gehörlosen. "Mimik und Gestik sind Teil einer Ursprache, die wir alle irgendwie entschlüsseln wollen", sagt Marianne Hilke. Konkret kommt noch hinzu, dass Fachvokabeln wie "Römerin" oder "Hafentempel" auch den meisten Gehörlosen erst einmal unbekannt sind. So ist das Gebärdenposter für die alltägliche Arbeit mit Gehörlosen einfach praktisch und generell wieder ein gutes Beispiel für die Arbeit mit verschiedensten Zielgruppen.

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Ein Poster mit Jugendlichen, die römische Vokabeln in Gebärden darstellen.

Dieses von Marianne Hilke initiierte Poster ist nicht nur für gehörlose Besucherinnen und Besucher interessant.

"Früher wurden in der Museumspädagogik Zielgruppen gänzlich getrennt behandelt, insbesondere Menschen mit Behinderungen packte man oft mit allerbesten Absichten in Watte. Heute versuchen wir unser Gesamtprogramm so zu gestalten, dass jeder darin seinen Weg finden kann. So ist unser Angebot nicht nur vielfältiger, sondern wirkt auch aus sich heraus integrativ."

Das Telefon klingelt. In der Leitung ist ein Lehrer mit einer Frage zum Angebot: Was passt denn für seine Fünft-klässler? Es passt eigentlich alles, die meisten Programme und Führungen lassen sich individuell an Gruppen anpassen. "In Vorbereitung des neuen RömerMuseums erstellen wir zur Zeit einen Katalog extra für Jungen und Mädchen im Römeralter." Römeralter? "Unsere Erfahrungen zeigen, dass insbesondere Kinder zwischen 8 und 12 auf die Römer ‚abfahren'. Wir haben es hier mit jungen Experten zu tun, die einen ernst zu nehmendem Wissensdurst an den Tag legen und oft auch schon Vorwissen mitbringen, echte Fans eben! Der neue Katalog setzt genau da an, mit einer Zeitreise oder mit einer Lügengeschichte, bei der man seine Kenntnisse spielerisch überprüfen kann", sagt Frau Hilke und ergänzt mit einem Lächeln: "Ich prophezeie Ihnen, auch Erwachsene werden ihren Spaß daran haben." Gefragt nach ihrem eigenen Lieblingsobjekt im APX muss Frau Hilke passen. Statt einem hat sie gleich sechs. So viele Kröten wurden nämlich einst in einem fränkischen Grab in Xanten gefunden. Noch ruhen die 1.500 Jahre alten Kröten-Mumien in einem Pappkarton im Magazin des APX und warten auf ihren Umzug ins neue Museum. Fachleute werden sich ranmachen müssen, ihre vermutlich mythologische Bedeutung genauer zu entschlüsseln. Für Frau Hilke sind die sechs Kröten schon jetzt ein Geschenk. Denn jeder, der von ihnen hört oder sie sieht, wird von der Neugier gepackt. Wenn die Wissenschaftler eines Tages das Rätsel der Kröten lösen, wird Frau Hilke die Ergebnisse für die Besucherinnen und Besucher in eine verständliche Form übersetzen. Die gemeinsame Entdeckungsreise der Neugierigen hat dann aber schon lange begonnen.

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